Ziele der Ausbildung

Die gestalttherapeutische Ausbildung besteht aus komplexen Vorgängen des personalen Wachstums und kann darum nicht mit der Verwirklichung einzelner Ausbildungsziele gleichgesetzt werden; auch hier ist „das Ganze mehr und etwas anderes als die Summe seiner Teile“. Andererseits sehen wir uns zur Transparenz und zur Kommunizierbarkeit unseres Tuns verpflichtet. Die nachfolgende Beschreibung der wichtigsten Ausbildungsziele ermöglicht eine erste Orientierung. Das Zielkonzept ist so gehalten, dass noch viel Freiraum bleibt für die erwünschte Entwicklung von individueller Vielfalt und Originalität. Diese Zielformulierung ist ausgerichtet auf die Erfordernisse einer ganzheitlichen Psychotherapie. Ihre Realisierung erbringt für die einzelne(n) TeilnehmerInnen sowohl persönliche wie auch berufliche Kompetenzen.


Persönliche Kompetenz
• Relatives Freisein von unbewussten Vermeidungsmechanismen und von Angst, Schuld- und Schamgefühlen, die in der gegenwärtigen Realität nicht begründet sind

Angestrebt wird, dass die TeilnehmerInnen anstelle von Vermeidung, Erwartungshaltung und Manipulation bereit sind zur Übernahme von Eigenverantwortung und zu reifungsbezogenem Leiden, um personales Wachstum zu ermöglichen.

• Zentrierungsfähigkeit auf das Hier und Jetzt, Ich und Du

Im Laufe der Ausbildung werden wesentliche unerledigte biographische Situationen durchgearbeitet und nach Möglichkeit zu einem Abschluss gebracht. Dies trägt dazu bei, dass die psychischen Energien des Einzelnen für volles Präsentsein im gegenwärtigen Kontakt zur Verfügung stehen.



• Begegnungs- und Beziehungsfähigkeit

Die Fähigkeit, den anderen Menschen unverzerrt in seiner Realität wahrnehmen zu können, gehört zu den unabdingbaren Ausbildungszielen. Dem dient vor allem die Re-lntegration von Projektionen und eingehende Bearbeitung der Übertragungsbereitschaft. Damit ist die wichtigste Voraussetzung gegeben für das Gelingen einer personalen Ich-Du-Begegnung, bei der sich beide wesenhaft treffen. Dem Einzelnen ist in solcher Erfahrung die Erlebnisdimension der Ich-Du-Beziehung im Unterschied zu Zweckbeziehungen neu und vertieft erschlossen worden, und er kann in erhöhtem Maße offen, „rückhaltlos“ (Buber) in die Begegnung eintreten. Einzelne wichtige Kompetenzen bestehen in sachgemäßem Geben und Annehmen von Feedback, in der Bereitschaft, bei Konflikten den Eigenanteil zu erkennen und in der Fähigkeit, auch längerfristige Beziehungen eingehen und aufrechterhalten zu können.

 

 

• Psychische Integration und Abgrenzungsfähigkeit

Die Ausbildung verfolgt das Ziel, neben dem Prozess der Ausdifferenzierung und Herausbildung von bislang unerschlossenen Potentialen auch einen höheren Grad von Einheitlichkeit, von „Ganzheit“ der Persönlichkeit zu erreichen.
Dies erfordert die zunehmende Auflösung von nicht-integrierten, fremdkörperhaften Anteilen (Introjekten), den Aufbau einer originär eigenen Wertewelt und die Ausbildung der Kontakt-Grenzen zu gleichzeitigen Ich-Grenzen, indem u. a. unbewusste und starre Identifikationen gelockert werden. Nach außen vollzieht sich dies gegenüber Erwartungen und Beeinflussungen, nach innen gegenüber Affekten, Kollektivnormen und überhöhten Ich-ldealen. Diese Abgrenzung erfolgt im bewussten Wahrnehmen der Einflussfaktoren, in der grundsätzlichen Unterscheidung von ihnen und der kritischen Prüfung des Einzelnen, inwieweit er diesen entsprechen will.


• Sensitive Selbst- und Fremdwahrnehmung

Ein weiteres wesentliches Ziel der Ausbildung ist realisiert, wenn der Einzelne im bewussten Gewahrsein seiner Selbst lebt, seiner Körperhaltung und -bewegung, seines Atems, seiner Stimme und seiner Gefühlsabläufe. Die Fokussierung des Gewahrseins wird dabei von dem bestimmt, was der Organismus von Augenblick zu Augenblick in den Vordergrund schiebt.
Das Training der Fremdwahrnehmung hat als Hauptziel, dass die verschiedenen nonverbalen Ausdrucksweisen des anderen Menschen mit vermehrter Sensitivität erfasst werden können. Weiter ist die Fähigkeit bedeutsam, deren Symbolik treffend in sprachliche Botschaften zu übersetzen, um vertieften und ganzheitlichen Dialog zu ermöglichen.

• Fähigkeit zu intuitiver Situationserfassung und kreativer Problemlösung

In der Gestaltausbildung wird der Fähigkeit zur Intuition große Bedeutung beigemessen. Sie ist nicht bloße Naturbegabung, sondern auch entwickelbar, wobei reflektierte und integrierte Erfahrung einen nicht zu unterschätzenden Anteil ausmacht. Intuition zeigt sich im gefühlssicheren Erfassen der Situation und im deutlichen Gespür für das richtige Handeln. Ein weiterer wichtiger Aspekt der Intuition ist der Blick fürs Ganze, denn nur von diesem aus kann der Stellenwert der einzelnen Faktoren sinnvoll bestimmt werden.
Nahe verwandt mit der Intuition sind kreative Fähigkeiten, deren Ausbildung ebenfalls zu den zentralen Zielen gehört. Kreative Menschen sind beim Bemühen um Konfliktlösung nicht in ein Entweder-Oder gezwängt, sondern bringen eine Reihe von neuen, ungewöhnlichen, originellen und weiterführenden Ideen hervor.
Mehr auf der Erlebensebene liegen Risikobereit-schaft, Lust zum Erfahren, Entdecken, Erproben, „die Wahrheit der Seele im Handeln ergründen“ (Moreno); dadurch wird das Verhaltensrepertoire und damit auch das Problemlösungspotential ausgeweitet.
Im therapeutischen Handeln sind kreative Fähigkeiten besonders wichtig bei der Umsetzung von Interventionskonzepten und -prinzipien in situativ angemessene Übungen, Experimente und Methoden, wenn das Vorgehen von einem inneren Verständnis und nicht von oberflächlicher Nachahmung geleitet sein soll.


• Bereitschaft und Fähigkeit zu empathischer Perspektivenübernahme

Das sogenannte „Gestaltgebet“ des „lch bin ich und du bist du“ kann leicht das Missverständnis von Egozentrik erwecken. Doch befriedigendes menschliches Zusammenleben und erst recht Gestalttherapie ist nicht vorstellbar, ohne daß die Weise des Selbst- und Welterlebens beim Partner parallel zum eigenen einfühlend erfasst und berücksichtigt wird (Martin Buber nennt dies „Umfassung“). Wer Therapie ausübt, ist in erster Linie auf die Fähigkeit zur Empathie angewiesen, um laufend am Prozess „dranbleiben“ und mitgehen zu können und seine Interventionen darauf auszurichten.
Einen weiteren Schritt bildet die möglichst prägnante Verbalisierung des einfühlend Erfassten, die als eine Vorgehensweise auch für die Gestalt-therapie unverzichtbar ist.
Perspektivenübernahme hat aber auch eine ethische Komponente. Die Frage ist, inwieweit der Einzelne bereit ist, die Problematik des Anderen zeitweilig für sich selbst ein Anliegen sein zu lassen; sofern dies gegeben ist, folgt daraus das Bemühen um genaueres Verständnis und kreative Methodik.
Diese schöpferische Spannung zwischen dem Selbst- und Fremderleben in der eigenen Person bildet die günstigste Voraussetzung für einen fruchtbaren Dialog mit dem Partner.


• Fähigkeit zur Selbstregulation und Selbstakzeptanz

Wer gestaltisch lebt, kann sich der organismischen Prioritätenbildung und seiner Selbstregulation überlassen. Er ist in der Lage, Gefühle wie Trauer, Freude, Liebe, lustvolles Erleben spontan zuzulassen. Auch aggressive Gefühle akzeptiert er grundsätzlich und kann sie variantenreich und situationsbezogen zum Ausdruck bringen. Dadurch ist es ihm möglich, sich auch bei heftigen Gefühlsausbrüchen anderer ohne Angst und Panik angemessen zu verhalten.
Hinsichtlich seines Selbstwertgefühls weiß er um die verschiedenen Mechanismen, durch die es gemindert werden kann und übernimmt für die Regulierung seines Selbstwerthaushaltes die Verantwortung. Ihm sind verschiedene Möglichkeiten geläufig, sich Selbstunterstützung zu gewähren und das Selbstwertgefühl zu stabilisieren.
Der Einzelne hat Selbstannahme als dauerhafte Haltung entwickelt. Dies gilt besonders für die Annahme der eigenen Geschlechtsrolle, für die Sexualität, aber auch hinsichtlich seiner menschlichen Begrenztheit und Fehlerhaftigkeit. Es ist ihm zunehmend möglich, den Fluss des Lebens zu erfahren, ohne stets zu bewerten oder sich mit anderen zu vergleichen.
Ein Gestalttherapeut ist sich bewusst, dass er selbst das wichtigste Instrument der Therapie ist. „Dieses Instrument muss gut gestimmt sein“ (Hans Peter Dreitzel).


Berufliche Kompetenz

• Bekanntsein mit dem Menschenbild der Gestalttherapie

Wer Gestalttherapie ausübt, benötigt eine umfassende anthropologische Orientierung, um ihren kulturkritischen Ansatz zu verstehen und besonnen zu vertreten.
Laura Perls sieht im Vertrautsein mit der kulturellen und geistesgeschichtlichen Verwurzelung der Gestalttherapie geradezu ein Qualitätsmerkmal für die Gestaltausbildung (siehe Gestaltbaum). Das Bekanntsein mit den existenzphilosophischen und phänomenologischen Grundlagen beschränkt sich dabei nicht auf das Wissen und Erkennen, sondern schlägt sich in einer Haltung und einem Lebensstil nieder, was sich auch in der Begegnung mit Klienten auswirkt. Das beinhaltet auch grundsätzliche Offenheit gegenüber weltanschaulichen und religiösen Bekenntnissen. In der Gestalttherapie wird die Wichtigkeit der Wertorientierung und Sinnfindung betont und das Bedürfnis des einzelnen Menschen nach deren Verwirklichung in individueller Weise unterstützt.



• Befähigung zu gestalttherapeutischer Prozessdiagnostik
In der gestalttherapeutischen Theoriebildung wird wenig Wert gelegt auf Aussagen über den Aufbau der Person, etwa im Sinne von Instanzen. Anstelle von derartigem statischem Denken wird die Fähigkeit zum dynamischen Denken in Strukturen des phänomenal-zeitlichen Verlaufs ausgebildet und praktiziert. Das hat auch für die Gestaltdiagnostik zentrale Bedeutung. Das Kontaktprozess-Modell von Vorkontakt, Kontaktaufnahme, Hauptkontakt bis zum Nachkontakt als Gestaltabschluss ermöglicht eine spezifische Gestaltdiagnostik. Die in diesen Zyklen vorkommenden Unterbrechungen erlauben einen realitätsnahen Rückschluss auf zugrundeliegende Mechanismen, deren Kenntnis für gezielte therapeutische Einflussnahme unverzichtbar ist. Gestaltdiagnostik vollzieht sich während jeder therapeutischen Begegnung, nicht durch spezifische diagnostische Maßnahmen. Denn der Gestalttherapeut darf den Klienten nicht zum Testobjekt machen, sondern versucht fortlaufend, die Beziehung zu ihm aufrecht zu erhalten, dessen Subjektsein zu wahren, seine Originalität anzuerkennen und dennoch allgemeingültige Klassifikationsweisen von neurotischen und psychotischen Prozessen einzubeziehen. Möglich wird dies dadurch, dass nicht Persönlichkeitsstrukturen in den Blick genommen werden, sondern Prozesse während einer Therapie-Sitzung (prozessuale Diagnostik). In dem Buch „Gestalt und Prozess“ unseres langjährigen Mitarbeiters Peter Dreitzel wird diese Form der Diagnostik differenziert beschrieben.
Die Ausbildung hat weiterhin zum Ziel, die jeweils beteiligten Abwehr- und Vermeidungsmechanismen zu erkennen, um fachgerecht therapeutisch intervenieren zu können. Dazu gehört auch die Fähigkeit, die gegenwärtige Dynamik und Symptomatik des Klienten in Verbindung setzen zu können mit der Biographie, besonders differenziert bei frühen und strukturellen Störungen.

• Vertrautsein mit gestalttherapeutischen Strukturierungsskonzepten und Interventionsprinzipien
In der Psychotherapie existieren bestimmte Überzeugungen darüber, was das therapeutische Agens ausmacht.

Ein formales Ausbildungsziel besteht in der Fähigkeit, therapeutische Konzepte situativ angemessen in Haltung und Handeln umzusetzen. Als didaktisch günstig hat sich bei uns erwiesen, von diesen Konzepten einzelne Interventionsprinzipien abzuleiten, damit eine sichere methodisch-technische Handhabung möglich wird. Besondere Schwerpunkte bilden hierbei der Umgang mit Widerstand, Handhabung von Übertragung und Gegenübertragung, Gewähren von Unterstützung und therapeutischer Regression, die Verwendung von methodischer Frustration und Konfrontation.

• Einsatzfähigkeit für verschiedene Arbeitsfelder

Die Gestalttherapie ist ein äußerst vielseitiges Verfahren, das in verschiedensten Arbeitsfeldern zur Anwendung kommen kann. Zu lernen, mit den besonderen Gegebenheiten und Anforderungen der einzelnen Arbeitsfelder umzugehen, gehört zu den Ausbildungszielen und wird besonders in der Supervision berücksichtigt. So erfordert z.B. die Therapie bei strukturellen Störungen ein anderes Vorgehen als bei neurotischen Konflikten.