Grundlinien der Gestalttherapie

Das Menschenbild der Gestalttherapie ist am gesunden Menschen orientiert; die „Weisheit des Organismus“ lässt in jedem Augenblick das in den Vordergrund treten, was momentan am Dringlichsten ist. Wenn dabei „Störungen“ auftreten, werden diese als spontane Umleitung des Lebensflusses verstanden, um trotz widriger Lebensbedingungen bestehen zu können.



Laura Perls im Gespräch mit Georg Meier

 

Es ist ein Ziel gestalttherapeutischer Arbeit, den Einzelnen für die prägnante Wahrnehmung der Situation und der organismischen Bedürfnisse zu sensibilisieren, damit er die Selbst- regulierung und die Selbstheilungstendenzen bewusst unterstützen kann. Weiter werden in der Zusammenarbeit zwischen Klient und Therapeut für die Situation passende Experimente kreiert, mit denen der Klient neue Möglichkeiten des Erlebens und Handelns erkunden kann. Er bewegt sich dabei meist in der Polarität zwischen Angst vor Neuem und Neugier auf Neues und erfährt sich in diesem spannenden Prozess als wacher und kreativer Gestalter seines eigenen Lebens.


Die Wahrnehmung dessen, was momentan „dran“ ist, kann behindert werden durch zu starkes Beschäftigtsein mit Geschehnissen der Vergangenheit oder Möglichkeiten der Zukunft. Was an die Vergangenheit bindet, sind unabgeschlossene Situationen. Derartige „unverarbeitete“ Erfahrungen werden in Dialogen, durch Rollenspiel oder Imagination nochmals vergegenwärtigt und durchlebt, damit die einstmals verdrängten Emotionen und Erinnerungen freigesetzt werden können und die „offene Gestalt“ sich schließen kann.

An Stelle von „Eingefrorensein“ tritt dann zunehmend situationsgemäße Lebendigkeit. Wer abhängig war von den Meinungen und Reaktionen anderer, kann freier und mündiger werden durch Übernahme der Verantwortung für sich selbst. Die Auflösung von Blockierungen ebnet gleichzeitig den Weg für Sinnfindung und für das natürliche Wachstum der Persönlichkeit.



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Gestalttherapie ist ganz zentral auf die Gefühle des Menschen ausgerichtet, denn mit seinen Gefühlen ist er sich selbst am nächsten, seien es Gefühle der Freude, der Trauer, der Liebe, des Verärgertseins oder der Hoffnung. Gerade in unserer von Denken und von rationalen Konzepten einseitig beherrschten Kultur wird die Entwicklung der Gefühle vernachlässigt und unterdrückt, was Selbstentfremdung und Identitätsdiffussion hervorrufen und eine Vielzahl von bedenklichen sozialen und gesellschaftlichen Auswirkungen nach sich ziehen kann. Viele Menschen, besonders Frauen, kommen sich in ihrer Gefühlszentrierung minderwertig vor. Hier zielt die Gestalttherapie als Gegenbewegung auf die Befreiung der Gefühle ab, auf das Erkennen deren Wertigkeit für ein erfülltes Leben des Einzelnen und für ein humanes Zusammenleben.


In einem weiteren Schritt geht es dann um die Integration von Fühlen und Denken, von Emotion und Intellekt. Ein zentrales Kennzeichen des gesunden Individuums ist der organische Rhythmus von Kontaktaufnahme zu Menschen und Dingen und der Rückzug aus diesen Kontakten. Je nach Intensitätsgrad von psychischer Erkrankung treten Unterbrechungen dieser Kontakt-Rückzug-Zyklen nach bestimmten Mustern auf. Deren Auflösung kann durch Prägnantwerden der Unterbrechungsstelle und in schöpferischem Experimentieren mit neuen Verhaltensmöglichkeiten erfolgen.