Gestalttherapie

Das Menschenbild der Gestalttherapie ist am gesunden Menschen orientiert; die „Weisheit des Organismus“ lässt in jedem Augenblick das in den Vordergrund treten, was momentan am Dringlichsten ist. Wenn dabei „Störungen“ auftreten, werden diese als spontane Umleitung des Lebensflusses verstanden, um trotz widriger Lebensbedingungen bestehen zu können.

Ein wichtiges Ziel gestalttherapeutischer Arbeit ist es, den Einzelnen für die prägnante Wahrnehmung der Situation und der organismischen Bedürfnisse zu sensibilisieren, damit er die Selbstregulierung und die Selbstheilungstendenzen bewusst unterstützen kann. Weiter werden in der Zusammenarbeit zwischen Klient und Therapeut für die Situation passende Experimente kreiert, mit denen der Klient neue Möglichkeiten des Erlebens und Handelns erkunden kann. Er bewegt sich dabei meist in der Polarität zwischen Angst vor Neuem und Neugier auf Neues und erfährt sich in diesem spannenden Prozess als wacher und kreativer Gestalter seines eigenen Lebens.

Die Wahrnehmung dessen, was momentan „dran“ ist, kann behindert werden durch zu starkes Beschäftigtsein mit Geschehnissen der Vergangenheit oder Möglichkeiten der Zukunft, durch nicht verarbeitete Erfahrungen, Ängste, (innere) Konflikte, Glaubenssätze oder negative Selbstwertbotschaften, die sich negativ auf Selbstvertrauen und Selbstannahme auswirken, sowie dysfunktionale Erlebens- und Verhaltensmuster.

In der konkreten Arbeit werden die zugrunde liegenden Dynamiken in Dialogen, durch Rollenspiel, Imagination, kreative Medien, Aufstellungen, Bewegung und Körperarbeit nochmals vergegenwärtigt und durchlebt, damit die einstmals verdrängten Emotionen und Erinnerungen freigesetzt werden können, neue Erfahrungen gemacht werden können und neue Möglichkeiten des Erlebens und Verhaltens Raum gewinnen können. An Stelle von „Eingefrorensein“ oder innerer Zerissenheit tritt dann zunehmend situationsgemäße Lebendigkeit. Wer abhängig war von den Meinungen und Reaktionen anderer, kann freier und mündiger werden durch Übernahme der Verantwortung für sich selbst. Die Auflösung von Blockierungen ebnet gleichzeitig den Weg für Sinnfindung und für das natürliche Wachstum der Persönlichkeit.

Die Gestalttherapie ist ganz zentral auf das ganzheitliche Erleben (Gefühle, Empfindungen, Bedürfnisse, Gedanken und Impulse) des Menschen ausgerichtet, denn hier ist er sich selbst am nächsten. Hier zielt die Gestalttherapie als Gegenbewegung, auf das Erkennen der Wertigkeit des subjektiven ganzheitlichen Erlebens für ein erfülltes Leben des Einzelnen und für ein humanes Zusammenleben.

Die dialogische Philosophie Martin Bubers bildet eine bedeutsame anthropologische und ethische Grundlage der Gestalttherapie und durchdringt sie bis hinein in einzelne therapeutische Interventionen. Buber sieht in der Beziehung, die ihren Sinn und Wert in sich selbst hat, das Wesentliche, das das Sein und das Werden des Menschen ausmacht. Diese dialogische Haltung ist gefährdet durch den Beziehungsmodus des Habens und Gebrauchens, indem der andere Mensch verdinglicht wird zu einem Mittel für Zwecke,die außer ihm selbst liegen. Aufgabe der Gestalttherapie ist es, in der therapeutischen Beziehung die heilende Kraft der dialogischen Beziehung erfahren zu lassen und Unterstützung zu gewähren bei der Entwicklung eigentlicher dialogischer Beziehungsfähigkeit.

Vor dem Hintergrund dieses Menschenbildes wird verständlich, dass in der Gestalttherapie die personale Beziehung zwischen Klient und Therapeut eine wesentlich stärkere Gewichtung erfährt als einzelne therapeutische Methoden. Im Gegensatz zu dieser unserer Beziehungszentrierung steht eine weit verbreitete Methodenorientierung, von der Therapieverfahren und klinische Anwendungen bestimmt sein können.

Im klinischen Bereich hat sich Gestalttherapie in der Behandlung verschiedenster seelischer und psychosomatischer Störungen bewährt. Sie ist angezeigt bei allen Formen von Neurosen, bei depressiven Prozessen, Angst- und Zwangsstörungen, narzisstischen Problematiken, psychosomatischen Erkrankungen sowie bei Abhängigkeit und Sucht. In modifizierter Form kann sie angewendet werden bei Persönlichkeitsstörungen, Psychosen und in der Traumatherapie. Im Rahmen der präventiven Gesundheitsvorsorge werden gestalttherapeutische Vorgehensweisen mit Erfolg eingesetzt. In der psychotherapeutischen Wirksamkeitsforschung erzielt die Gestalttherapie beachtliche Ergebnisse für eine Reihe von Störungsbildern.

Der Ansatz beschränkt sich jedoch nicht darauf, sondern kann auch mit Erfolg eingesetzt im Bereich Beratung, im pädagogischen Bereich, in der Seelsorge, bei Fragen der Lebensgestaltung und Verbesserung der subjektiven Lebensqualität, der Identitätsfindung, der persönlichen Entwicklung und der Ausbildung personaler, sozialer und kommunikativer Kompetenzen, zur Konfliktlösung, bei Beziehungsfragen und für die Stärkung von Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl. Im institutionellen Bereich haben sich die Vorgehensweisen des Gestaltansatzes sehr gut bewährt für Supervision, Coaching und Organisationsentwicklung.